Ist die BTU Cottbus wirklich so schauderhaft in der Forschung?

Seit einiger Zeit tobt ja die Strukturdiskussion für die Hochschulen in der Lausitz (BTU und FH) auf erhöhtem Niveau, nachdem der Bericht der „Expertenkommission zur Weiterentwicklung der Hochschulregion Lausitz“ (kurz „Lausitz­kommission“) bei der BTU Schwächen in der Forschung diagnostiziert hat und daraufhin die Ministerin die Fusionsbombe hat platzen lassen. Diese „Forschungsschwäche“ wird in den Medien oft stark verkürzt wiedergegeben, in der Art „die BTU ist miserabel in der Forschung, Punkt“. Beispiele:

Der BTU fehle ein klares Profil und auch die Forschungs­leistungen seien nicht ausreichend.

Deutschlandfunk, 10.02.12

Schwache Forschung
Hart fällt aber ins Gewicht: Insbesondere der BTU ist es nicht gelungen, nenneswerte [sic] Forschungsstärke zu entwickeln und sich zwischen den großen Schwestern in Berlin und Dresden stark darzustellen.

Der Märkische Bote (Das ist allerdings „nur“ eine Gratis-Wurfzeitung.)

[D]ie Kommission [hatte] eklatante Mängel bei der BTU festgestellt. Brandenburgs einziger technischer Uni­versität sei es nicht gelungen, die erwartete Forschungs­stärke zu entwickeln. Symptomatisch dafür sei, dass es ihr bis heute nicht gelungen sei, Mitglied der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zu werden. Die Organisation ist neben dem Staat der wichtigste Geldgeber für Forschung in Deutschland.

Märkische Allgemeine, 11.02.12

Ist unsere Forschungsleistung wirklich so schrecklich?

Ein paar kurze und unvollständige Gedanken dazu, die meine rein persönliche Meinung wiedergeben und nicht die meines Arbeitgebers. (Zu diesem ganzen Komplex schwirrt mir auch noch einiges im Kopf rum, und ich fang jetzt einfach mal mit diesem Thema an. Ich werde auf jeden Fall noch was zu den verschiedenen Strukturvorschlägen schreiben.)

Die Kurzfassung des Berichts (PDF) gibt es beim Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MWFK); der eigentliche Bericht wird vom Ministerium nicht herausgegeben. In dieser 25-seitigen Kurzfassung steht zum Ist-Zustand nicht übermäßig viel, und vor allem wenig konkretes, zur Forschung. Auf Seite 6 heißt es:

Die BTU Cottbus bietet trotz einer Reihe guter bis sehr guter Lehrstühle und deren auch international beachteter Forschungsergebnisse ein sehr heterogenes Erscheinungsbild; überwiegend sind die Forschungs­leistungen nicht befriedigend. So ist etwa die Hochschule bis heute noch nicht Mitglied der Deutschen Forschungs­gemeinschaft.

[…]

Die BTU Cottbus schöpft bei weitem nicht die vor­handenen Potentiale aus. Es ist ihr nicht gelungen, ein klares Forschungsprofil zu entwickeln.

Das ist zwar auch kein berauschendes Urteil, liest sich aber schon etwas differenzierter. Der einzige konkret benannte Kritikpunkt ist die fehlende DFG-Mitgliedschaft. Die wäre zwar meiner Meinung nach ganz schön, aber ist nicht unbedingt per se ein Indikator für gute Forschung. Zudem ist die DFG vorrangig für Grundlagenforschung zuständig, was bei einer Technischen Universität nicht das einzige Standbein ist. Das Thema „DFG“ taucht im Bericht öfter mal auf (besonders bei der Fakultät 4), und es wird völlig negiert, daß es auch bedeutende andere Quellen der Forschungsförderung gibt, z.B. das Bundesministerium für Bildung und Forschung (von dem z.B. unser Lehrstuhl die letzten Jahre ein, zwei Milliönchen eingeworben hat).

Mit meinem Blick von „innen heraus“ (und im wesentlichen beschränkt auf die Fakultät Umweltwissenschaften und Verfahrenstechnik) kann ich nicht sagen, ob unser Profil wirklich so unklar ist. Eine Universität ist ja vom Grundprinzip her vielfältig; wenn man da ein bestimmtes Profil will, muß man halt die Professoren entsprechend berufen, und das ist ein langwieriger1 Prozess. Die BTU ist grad mal 20 Jahre alt geworden. Alternativ könnte man als Ministerium einen großen Batzen Geld in die Richtung werfen, in der man die Uni haben möchte. Da aber im Gegenteil die Haushaltssituation immer schlechter wird2, muß man als Lehrstuhl halt kucken wo man bleibt und forscht, wo es grad Geld gibt.

Wenn wir beim Geld sind, lohnt sich mal ein Blick auf das Verhältnis von Drittmitteln zu Haushaltsmitteln des Landes. 2011 hat die BTU 34 M€ Drittmittel (BTU-Presseinformation vom 02.02.12) eingeworben, vom Land kamen ca. 50 M€3 Ich hab mir mal die entsprechenden Angaben von ein paar TU9-Hochschulen zusammengesucht, und da liegen wir mit unseren über 60% in einer Liga mit z.B. TU München und RWTH Aachen. Es gelingt der BTU also durchaus, nennenswerte Forschungsmittel einzuwerben. Nicht vergessen darf man aber, daß der hohe prozentuale Anteil eine ganz wesentliche weitere Ursache in der traurigen Finanzierung durch das Land hat.

Das erkennt man, wenn man die Drittmittel auf Professoren bezieht. 2010 gab es an der BTU 119 Professoren, letztes Jahr sind es sicherlich ähnlich viele gewesen. Damit wirbt ein BTU-Professor rund 280 k€ ein, während es beispielsweise an der TU Braunschweig (einer der kleineren TU9) schon 310 k€ und an RWTH und TUM sogar 500 bis 600 k€ sind. Dafür bekommen diese Professoren auch rund 900 k€ vom Land, während der BTU-Professor mit weniger als der Hälfte auskommen muß. Und das sind Mittel, die schlicht fehlen für schlaue Mitarbeiter, die tolle Forschungsanträge schreiben, Mitarbeiter, die leistungsfähige Labors betreuen, eine Verwaltung, die nicht kurz vorm Zusammenbrechen ist4, und und und.

Anhand dieser, zugegeben ziemlich kruden, Betrachtung würde ich sagen, daß die BTU es trotz der Anstrengungen des Landes Brandenburg ganz gut schafft, überhaupt noch Forschung zu betreiben. Der Bericht der Lausitzkommission enthält durchaus auch berechtigte Kritik, aber vor allem die Wiedergabe in den Medien wird der Sache nicht gerecht.


  1. Es muß ja erstmal der alte Professor verschwinden, bevor man aktiv werden kann. []
  2. Mit großer Freude zitiere ich immer gern unsere Lehrstuhlbudget 2011: 2466,05€. Die fünf Cent haben uns echt noch gerettet. []
  3. Ich hab leider keine konkreten Zahlen gefunden. 2010 betrug die Zuweisung 52,9 M€, und in meinen handschriftlichen Fakultätsratsprotokollen steht was von 48 M€, aber „offiziell“ ist das eher nicht. []
  4. Und damit eine zusätzliche Last für die wissenschaftlichen Mitarbeiter bedeutet. []

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