The Europiccola strikes back

Kurz bevor mein Mitbewohner Lübbiwan Kenobi in ferne Dimensionen verschwand, hinterließ er mir ein mystisches Objekt, das aussieht wie eine Mischung aus R2D2 und Dalek, aber kleiner. Allerdings fiepst und piepst es nicht und will auch niemanden vernichten, sondern es blubbert, faucht und sondert braune Brühe ab.

La Pavoni Europiccola, nach ÜberholungOffensichtlich handelt es sich um eine Espresso­maschine namens La Pavoni Euro­piccola, ein wirklich dekoratives Gerät. Leider hat sie schon ein paar Jahre auf dem Buckel (Baujahr 1996) und ver­langte nach einer General­überholung1.

Bei Kaffeemaschinendoctor gibt's Ersatzdichtungen und eine Anleitung zum Dichtungswechsel. Da hab ich mir so gedacht, leg ich mal los, bestelle Ersatzdichtungen, putze das Ding durch und wechsle die Dichtungen.

Gefährliche Idee.

Das Gerät muß ja erstmal zerlegt werden; der geneigte Leser kann dazu die oben verlinkte Anleitung mitverfolgen. Das erste Problem tauchte schon beim Abbauen des Hebels auf: der hintere Bolzen war so komplett mit der Lagerrolle zusammengepappt (wohl Rost), daß er sich keinen Millimeter bewegte. Auch längeres Einwirken von WD40 führte zu keiner Besserung. Zum Glück ist zwischen Hebel und Brühgruppe etwas Luft, so daß ich mit der Eisensäge den Bolzen absägen konnte. Ich begann, eine zweite Bestellung beim Kaffeemaschinendoctor klarzumachen: nebst den schon gelieferten Dichtungen würde ich wohl noch ein paar Ersatzteile benötigten…

Der Spaß ging mit dem Zerlegen der Brühgruppe gleich weiter. Entgegen der Anleitung ließ sich das Duschensieb nicht durch einen leichten Schlag mit dem Hammer auf die Kolbenstange unten aus der Gruppe rausbewegen. Gnadenloses Massakrieren der hart gewordenen Dichtung hat allerdings weitergeholfen.

In der Brühgruppe sollte ich dann einen Seegerring entfernen, um an die Kolbenstangendichtung zu kommen. Nun ja, der Seegerring war wohl schon etwas angegriffen über die Jahre und hat sich dem Zugriff der Seegerringzange durch spontane Selbstauflösung entzogen. Die dahinterliegende gelochte Scheibe sah auch nicht mehr so toll aus (und hat wohl beim Rauspopeln der Seegerring-Bruchstückchen auch noch was abbekommen), darum hab ich die beiden Teile auch gleich nachbestellt.

Das Demontieren von Sicherheitsventil, Dampfventilspindel und Schau­glas ging dafür recht problemlos.

Das Gehäuse war in der Wanne unter der Abtropfschale schon ziemlich angerostet, darum habe ich auch die Bodenplatte abgenommen und einen Blick ins Innere geworfen, wie es dort aussieht. Leider nicht besonders gut:

Europiccola, innen ziemlich angerostet

Ich beschloß also, mein Projekt etwas zu erweitern, den Standfuß von Kessel und Elektrik zu trennen und mich um den Rost zu kümmern.

Das Heizelement und die Elektrik ließen sich ganz gut ausbauen, dann aber kam das, was in der Anleitung als „nun kommt der schwierigste Teil“ angepriesen wird: der Ausbau des Kessels. Ohne Spezialwerkzeug ist die große Plastikmutter am Kesselfuß kaum zu fassen. Mit der Hand oder mit leichten tangentialen Hammerschlägen (Holzklötzchen unterlegen) war nichts zu machen. Im Internet einige Leute mit ähnlichen Problemen gefunden. Dieser Beitrag im Coffeegeek.com-Forum hat mir dann weitergeholfen. Zwar konnte ich den Hebel nicht montieren (der Ersatzbolzen war noch nicht da), aber mit der Brühgruppe hatte ich auch schon genug Griff und Kraft, um den Kessel etwas zu drehen. Damit waren Dichtungen und Kesselfußmutter ausreichend gelockert2 und ich konnte die Mutter mit der Hand abdrehen. Die Kesselfußdichtungen bröckelten größtenteils recht schnell weg, aber die Reste waren dafür um so zäher zu entfernen.

Damit war also der Standfuß freigelegt und ich konnte zur Entrostung schreiten. Das schlimme dabei ist, daß da immer noch mehr Rost ist, als man gedacht hat – es blättert immer noch ein bißchen mehr Farbe ab.

Europiccola: verrostetes Gehäuse (Standfuß) oben und unten

Ich hab dann alles liebevolle abgeschmirgelt und mit Rostumwandler bepinselt. Die schwarze Farbe passt nicht ganz zum „Glitter-Look“ der Originallackierung, aber es geht fürs erste. Jedenfalls bin ich gewarnt, das Gerät immer schön trocken zu halten.

Das Dampfdüsengehäuse konnte ich auch ohne passenden Zünd­kerzen­schlüssel entfernen: von innen die Mutter mit einem Gabel­schlüssel halten und das Gehäuse außen drehen. Allerdings war der Zu­sammen­bau hinterher ein ziemliches Gepfriemel.

Jetzt hatte ich meine Europiccola weitestgehend zerlegt und konnte die Bauteile reinigen3 und ggf. entkalken. Die Maschine passt in diesem Zustand noch gut auf unseren Küchentisch (die neuen Dichtungen und Ersatzteile sind hier schon mit dabei):

La Pavoni Europiccola, nahezu komplett zerlegt

Und hier sind die auf der Strecke geliebenen Teile (abgesehen vom Seegerring, dessen Brösel ich irgendwie verloren habe…):

Europiccola: kaputte Einzelteile

Der Zusammenbau ging dann abgesehen von zwei Angstpartien ganz gut. Zum einen war es, wie vorhin schon erwähnt, nicht ganz einfach, das Dampfventilgehäuse zu montieren (Beim ersten Mal war es nicht ganz dicht, also nochmal den Kessel auseinanderbauen und nacharbeiten…). Zum anderen mußte ich das Röhrchen zum Pressostat verbiegen, weil die Kesselfußmutter, und damit das Heizelement, gegenüber vorher etwas gedreht waren. Aber das Röhrchen hat die Gewaltanwendung gut weggesteckt.

Jetzt hoffe ich, daß ich mit der Zeit mal passablen Espresso hinbekomme. Mit dem Kaffee, den ich derzeit habe, ist das nicht so ganz leicht, weil der recht grob gemahlen ist und damit zu schnell und unter zu geringem Druck durchläuft. Mit sehr kräftigem Tampen geht's grad so.

Aber das Zerlegen und Zusammenbauen war für sich allein schon eine interessante Erfahrung.


  1. Leider hab ich kein Bild davor gemacht. Auf den ersten Blick ist aber auch nicht viel Unterschied zu erkennen. Das meiste ist im Innenleben passiert, und die Küchenfettbeläge hätte man auf einem Foto glaub ich auch nicht gut erkennen können. []
  2. Das vorangegangene Einweichen mit WD40 hat vielleicht auch mitgeholfen. []
  3. Die Küchendünste, die sich an den Metallteilen niederschlagen und dann an der heißen Maschine nach und nach festgebacken werden, sind äußerst penetrant! []

Kommentare (7)

  1. Elchträger 23 ⟨ 04.09.10, 11:00 | #  ⟩

    KRASS!

    Mehr kann man dazu kaum sagen.
    Aus eigenen Erfahrungen mit dem Zerlegen des Fahrrads in seine Einzelteile weiß ich, dass man das eigentlich wieder ganz schnell zusammenbauen muss. Sonst weiß man nicht mehr was wo und wie war.
    Das sollte bei so einem Maschinchen ja noch um einiges schlimmer sein. Vielleicht haben dir ja die Anleitungen geholfen, dass das wieder ganz gut zusammenging.

    Hoffentlich schmeckt die braune Brühe jetzt, ich werde es ja wohl nie testen und könnte es auch gar nicht bewerten 😉

    Man kann die Maschine ja glücklicherweise nicht mit einer Pfeffermühle verwechseln!
    Dann kann ich ja in Zukunft weiterhin beim Kochen helfen 😉

    Viel Freude damit

  2. Anna 7 ⟨ 04.09.10, 1:28 | #  ⟩

    Also wenn diese Maschine jetzt keinen superkalifragilistischexpiallegorischen Espresso macht, dann… Hoffentlich hat sich die Mühe auch in dieser Hinsicht gelohnt. 🙂

  3. fj 228 ⟨ 06.09.10, 10:07 | #  ⟩

    @Elchträger: Irgendwie hat's auch Spaß gemacht. Ich nehm ja gern Dinge auseinander und kucke rein, wie sie funktionieren (schon als Kind…); hier hat mir aber die o.g. Anleitung schon geholfen, was sich wo verbirgt.

    Die „Pfeffermühle“ hat Lübbi hier vergessen, aber die mahlt auch ein bißchen zu grob.

    @Anna: die Maschine kann superkalifragilistisch­expiallegorischsten Espresso machen, aber sie kann auch abflußreife Plörre produzieren. Hab ich zumindest so gelesen. Den Teil mir der Plörre konnte ich auch schon nachvollziehen, für den hervorragenden Espresso braucht man halt auch hervorragenden Kaffee und eine Mühle, um die Korngröße richtig einzustellen.

    Einen recht passablen Espresso bekomm ich schon hin. 😉

  4. steffen blomeier 1 ⟨ 20.05.13, 1:37 | #  ⟩

    hallo, ich habe eine schnelle frage. bei meiner europiccola ist die Kesselfußdichtungen in drei teile gebrochen (sieht ihrer ähnlich) und ich habe das gefühl das diese dichtung bei den reperatursets nicht dabei ist. sie hat einen aussendurchmesser von 80 mm und ist recht hart und unflexiebel. haben sie mir einen tip? mit freundlichen grüßen ...steffen blomeier

  5. fj 228 ⟨ 21.05.13, 1:28 | #  ⟩

    Hallo, die Kesselfußdichtungen gibt’s beim Kaffeemaschinendoctor einzeln oder im Set „Dicht- und Reparaturkit La Pavoni Europiccola Professional“. Die Dinger sind im Unterschied zum Original aber nicht schwarz sondern blaugrün. (Sie sieht man auch in meinem Foto rechts vorn und hinten Mitte.)

  6. Christian 1 ⟨ 22.11.14, 2:00 | #  ⟩

    Hallo, good Job!

    Frage zu dem WD40 und der Kesselmutter,
    wie hast du sie dann wieder fest bekommen?

  7. fj 228 ⟨ 05.01.15, 9:01 | #  ⟩

    @Christian: Sorry, ich hatte Deine Frage ganz übersehen!

    Den Kesselfuß hatte ich nicht so extrem mit WD40 behandelt. (Bei der festgerosteten Lagerrolle des Brühhebels war ich da deutlich hemmungsloser.) Außerdem hab ich den Kessel innen mit Küchenkrepp ausgestopft, das verirrtes WD40 aufsaugen sollte. Hinterher hab ich alle Teile ordentlich gereinigt, weil ich nicht so Bock auf Öl im Kaffee habe… Darum sollte das WD40 keinen Einfluß mehr aufs Festmachen haben.

    Ich kann mich nicht mehr sicher an die Einzelheiten erinnern, aber ich denke, ich habe eine ähnliche Technik verwendet wie beim Auseinanderbauen: zunächst erstmal Ringmutter mit der Hand soweit anziehen, das alles zusammenhält; dann sich auf einen Stuhl setzen, Kessel kopfüber zwischen die Knie klemmen, Brühhebel am Stuhlbein (als Widerlager) anlegen. Dann kann man die Ringmutter möglichst kräftig anziehen. Dank der Einbuchtungen kann man sie ganz passabel mit der Hand greifen. Ich weiß nicht mehr, ob ich zum Schluß noch irgendein Werkzeug verwendet hatte (Ich wüßte nicht, welches…) oder ob es so schon fest genug war.

    Wichtig ist, daß, vor allem wegen des Röhrchens zum Pressostat, alles wieder richtig ausgerichtet ist (am besten vorher Foto machen) und daß die Ringmutter stramm genug sitzt, damit der Kessel fest steht, wenn man am Brühhebel runterdrückt. (Für die Dichtigkeit ist diese Mutter nicht verantwortlich.)

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