Zur Diskussion der Hochschulpläne

Angesichts der Äußerungen von Ministerin Kunst während der der Sitzung der Stadt­verordneten­versammlung letzten Montag, wo sie nahezu gar nicht auf die Kritik und Vorschläge der anderen Redner einging, und der Erklärung von Ministerpräsident Platzeck, die ebenfalls keinerlei Dis­kussions­bereit­schaft erkennen ließ, war ich (zurecht, wie ich glaube) eher frustriert über die Entwicklung der Dinge und die teflonartige Gesprächskultur. Offensichtlich war man in der Regierung nicht wirklich an einer konstruktiven Lösung interessiert, und ließ sämtliche Argumente an sich abgleiten. Es kamen immer nur die gleichen hohlen Phrasen. Das kam dem nahe, was man als „Bullshitting“ bezeichnet, und als Ausdruck diskursiven Galgenhumors erstellte ich eine Buzzword-Bingo-Karte.

Ich hatte den Artikel in der Facebook-Gruppe in die Runde geworfen, mit dem Gedanken, daß man doch den Praxistest in der morgigen Podiumsdiskussion machen könnte. Dazu gab es doch ein paar Reaktionen. Einige fand es lustig, und lieferten weitere Phrasen dazu, aber einige meinten auch, daß das vielleicht mißverstanden werden könnte als mangelnde Diskussionbereitschaft. Ich meine, das könnte tatsächlich ein Problem sein, wenn das Wort „Bullshit“ für viele eher rüpelhaft klingt und nicht als eine spezifischer Begriff für ein argumentatives Muster (um es mal hochgestochen auszudrücken) erkannt wird. Und auch wenn der Kerngedanke „Im Gegensatz zum Lügner, der absichtlich unwahre Behauptungen aufstellt und die Wahrheit daher auch kennen muss, interessiert sich der bullshitter gar nicht für die Wahrheit.“ (Wikipedia) die Regierung eigentlich ganz treffend charakterisiert hat, hatte ich das Gefühl, daß eine Bingo-Aktion (wie auch immer geartet) nach hinten losgehen könnte.

Aber seit gestern scheint es sich nun etwas gebessert zu haben.

Die Lausitzer Rundschau veröffentlichte gestern Nachmittag ein kurzes Interview und berichtet heute: „Uni-Streit: Kunst geht einen Schritt zurück“.

Nun scheint also der Vorschlag der Lausitz-Kommission (zwei Hochschulen mit gemeinsamen Fakultäten) der Ausgangspunkt für weitere Diskussionen zu sein.

Ein bißchen scheint die Ablenkungstaktik im Interview noch durch:

[Frage:] Sie nennen das Stichwort „unkonkrete Pläne“. Ein Vorwurf gegen Ihren Vorschlag lautet, dass Sie bisher kein eigenes Konzept vorlegen konnten.

Kunst: Das Konzept, an dem sich die Entwicklungen der Hochschulen orientieren wird, ist das Konzept der Lausitz-Kommission. Die Wissenschaftler um Herrn Emmermann haben eineinhalb Jahre daran gearbeitet. Der Ball liegt jetzt bei den Hochschulen. Sie müssen klären, was sie von den Vorschlägen annehmen wollen.

Ist das nicht faszinierend? Mit keinem Wort geht sie auf den Kern der Frage ein und lobt stattdessen, daß sich die Kommission so viel Mühe gemacht hat. Dabei verschweigt sie völlig, daß sie es war, die nach der Veröffentlichung des Gutachtens die Vorschläge in die Tonne getreten hat.

Dabei geht es uns nicht um eine Hauruckaktion

Ach, plötzlich. Ich hoffe, sie kann sich in Zukunft noch daran erinnern.

Ich weiß sehr genau, dass die anstehenden Veränderungen nur aus den Hochschulen heraus zu bewältigen sind.

Vor kurzem sprach sie den Hochschulen (insbesondere der BTU) noch jede Reformfähigkeit, von innen heraus, ab. (Wobei da sogar ein Körnchen Wahrheit, ein recht großes Körnchen sogar, drinsteckt.)

Eigentlich ist es traurig, daß sie den Erhalt der Ressourcen überhaupt erwähnen muß:

Wir haben klargestellt, dass die Budgets beider Hochschulen weiter zur Verfügung stehen, dass es uns also bei dem anstehenden Reformprozess nicht um einen Sparplan geht.

Schließlich muß das – bei Beibehaltung des Mittelverteilungsmodells – nahezu automatisch1 passieren. Die Anzahl der Profs, der Studenten, die eingeworbenen Drittmittel sind in Summe ja genauso groß wie die einzelnen Summanden vorher. Erfreulicherweise hakt der Interviewer nach: „Wie wollen Sie aus den bestehenden Budgets heraus einen Veränderungsprozess finanzieren? Eine Neugründung einer Universität wird nicht kostenneutral zu haben sein.“ Sie versichert:

Außerdem wissen wir, dass Neuerungen auch Geld kosten werden. Dieses Geld werden wir beibringen.

Ich hoffe, sie (und der Landtag!) erinnern sich zu gegebener Zeit daran. Und die anderen Hochschulen Brandenburgs werden sich freuen.

Man sieht, ich bin noch skeptisch; Fr. Kunst konnte meinen Argwohn so schnell nicht zerstreuen. Aber ich bin schon froh darüber, daß sie doch noch eingelenkt hat. Würde sie morgen wieder so ein Ding bringen wie bei der Stadtverordnetenversammlung, wären ihre Pläne dem Landtag vermutlich kaum noch zu vermitteln gewesen. Ich bin also auf morgen gespannt und hoffe auf das beste.

Aber vermutlich war das auch der Plan. Den Gegner bis zur Schmerzgrenze frustrieren, so daß er sich über ein paar Zugeständnisse freut wie ein Schneekönig. Das klassische Prinzip beim Feilschen – hoch bzw. tief anfangen und sich in der Mitte treffen. Das MWFK ist ja aber mit einem so extragalaktischen Standpunkt eingestiegen, daß das Erreichen einer sinnvolle Mitte (d.h. Kompromiss) noch viel Arbeit bedeuten dürfte.

Sollte morgen aber wieder die Null-Diskussion-und-null-Information-Politik zurückkehren, werd ich vermutlich schreiend den Kopf wiederholt gegen die Wand hauen.

Update 26.03.12 21:29: Vom rbb (Brandenburg aktuell) gibt es einen (erstaunlich ausgewogenen, im Vergleich zu früher) Beitrag „Veränderte Überzeugungsarbeit“. Welch milden Töne sie dort anschlägt! „[…] so daß eine Brechstange niemals hilft“ (0′50″) und „mit den inhaltlichen Gesprächen zu beginnen“ (1′06″). Allerdings hält sie am Fusionskonzept fest, ist aber zur Diskussion bereit.


  1. Sehr schön ausgedrückt von btuinsider: „seither regiert in Potsdam eine Exceltabelle das Brandenburgische Hochschulwesen“ []

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